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7 Fakten über Körperhaltung, die du wissen musst

7 Fakten Körperhaltung

Ich lag falsch. Komplett falsch. Wie viele andere bin ich dem Erklärungsmodell auf den Leim gegangen, dass eine „schlechte“ Haltung körperliche Beschwerden nach sich ziehen würden. 

Nicht zuletzt durch Bücher wie Sitzen ist das neue Rauchen von Kelly Starrett ist diese Idee im vergangenen Jahrzehnt massentauglich geworden. Und man kann es diesem Modell nicht mal übelnehmen.

Schließlich ist es so verdammt plausibel. Wenn ein Muskel aus seiner optimalen Position genommen wird, muss er mehr Arbeit leisten, überlastet und fängt irgendwann an zu schmerzen. Ebenso würden sich Strukturen abnutzen und diese Abnutzungserscheinungen würden Probleme verursachen.

Ob das so wirklich stimmt und was da nun wirklich dran ist, schauen wir uns in diesem Artikel an.

1

Gibt es DIE eine perfekte Haltung?

Wahrscheinlich hast du es auch schon irgendwo gelesen. Angeblich gäbe es die eine perfekte Haltung, die dafür sorgt, dass alle Beschwerden der Vergangenheit angehören.

Auch ich dachte lange Zeit so. Aber dann gab es immer wieder mal Fälle, bei denen jemand mit einer scheinbar schlechte Haltung keinerlei Beschwerden hatte.

Und es gab die Fälle, bei denen jemand mit einer scheinbar guten Haltung, arge körperliche Probleme hatte. 

Mit Achtsamkeit die Wirbelsäule aufrichten

Wenn eine aufrechte Haltung das Problem gelöst hätte, müssten die Personen doch schmerzfrei sein, oder? Waren sie aber nicht.

Und das zeigt uns, dass Haltung und körperliche Beschwerden nicht unbedingt zusammenhängen (z.B. Richards et al 2016).

Und es tut mir leid, dir den Zahn ziehen zu müssen: Es gibt auch nicht die eine Haltung, die vor Rückenschmerzen schützt (Slater et al 2019). Dafür gibt es leider keine Beweise.

Ist es deswegen unnötig, eine aufrechte Haltung zu haben? 

Meiner Meinung nach nicht. Wenn du eine aufrechte Haltung einnehmen kannst, wird es dir z.B. im Krafttraining deutlich leichter fallen, die korrekte Positionen in den Übungen einzunehmen. 

Außerdem wirkst du mit einer aufrechten Haltung selbstbewusster und strahlst mehr Selbstvertrauen aus.

Aber es ist kein Muss, eine aufrechte Haltung einzunehmen. Lieber fünf falsche Haltungen hintereinander, als die perfekte Haltung den ganzen Tag.

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Aber es ist kein Muss, eine aufrechte Haltung einzunehmen. Lieber fünf falsche Haltungen hintereinander als die perfekte Haltung den ganzen Tag.

Schließlich ist unser Körper für Bewegung gemacht. Sonst hätten wir irgendwann Wurzeln geschlagen.

Fazit: Es gibt nicht DIE eine perfekte Haltung.

2

Unterschiede in der Haltung sind Ausdruck des Lebens

Ist dir schon mal aufgefallen, dass man von der Körperhaltung ablesen kann, was derjenige häufig macht?

Ein erfahrener Kampfsporttrainer konnte an meiner Haltung sogar mal ablesen, dass ich vor 10 Jahren Krav Maga gemacht habe, ohne dass wir vorher darüber sprachen.

Ja, in unserer Körperhaltung speichern sich unsere Gewohnheiten.

Vor allem das, was wir häufig tun.

Sprinter und Hohlkreuz

Läufer haben oft ein Hohlkreuz, weil es ihnen im Sport einen Vorteil bringt.

So sind die meisten Kampfsportler eher gebeugt, weil das eine Schutzhaltung beim Kampfsport ist. Sie haben häufiger gerundete Schultern, einen Rundrücken und ein nach hinten gekipptes Becken.

Im Gegensatz dazu haben Sprinter oder Langstreckenläufer oftmals ein Hohlkreuz, weil sie dadurch längere Schritte machen können. Es ist also ein Vorteil im Sport.

Das sind nur zwei Beispiele, aber du siehst es immer wieder. Der Körper passt sich an das an, was er häufig machen muss und wird effizienter darin. Und wenn halt Sitzen das tägliche Training ist, wird er darin besser.

Und selbst starke Asymmetrien wie bei einer Skoliose sind nicht unbedingt mit Schmerzen assoziiert. Sie erhöhen vielleicht das Risiko, Schmerzen zu bekommen (Trobisch et al 2010). Aber dennoch gibt es genug Beispiele, die das Gegenteil beweisen, z.B.:

  • Jessica Ashwood: Sie hat trotz einer starken Skoliose an zwei olympischen Wettkämpfen teilgenommen oder
  • Stuart Jamieson: Ärzte prognostizierten, er würde nicht mal 2 Jahre alt werden. Heute hebt er sein 5-faches Körpergewicht. 

Wir dürfen aufhören zu denken, unser Körper sei ein gebrechliches Blümchen.

Unser Körper hat unglaublich faszinierende Selbstheilungskräfte und Anpassungsmechanismen. 

Würde er dann nicht einfach besser darin werden, bestimmte Haltungen zu tolerieren? Schließlich passen sich alle Strukturen an eine Haltung an, oder?

Fakt ist: Dein Körper ist unglaublich stark, robust und anpassungsfähig.

3

Haltung drückt Überzeugungen und Stimmungen aus

Auch Gefühle äußern sich in der Haltung. Wenn du traurig bist, wirst du eher zusammensinken. Wenn du nur so vor Selbstvertrauen strotzt, wirst du dich aufrichten. 

Aber auch Denkmuster und der soziale Status äußern sich in der Haltung. 

Vielleicht hast du schon mal beobachtet, wie sich Menschen mit niedrigem sozialen Status oft klein machen (z.B. Obdachlose) oder sich Menschen mit einem hohen Status oft groß machen (z.B. ein Rockstar). 

Wirbelsäule aufrichten TITEL

Haltung spiegelt unser emotionales Innenleben wider.

Aber auch hier wissen wir von Richards et al. (2016) und Slater et al. (2019), dass keine bestimmte Haltung für Schmerzen ursächlich verantwortlich ist. 

In den allermeisten Fällen spielt Haltung bei Beschwerden eine so kleine Rolle, dass du dir darüber keine Gedanken machen brauchst. Tatsächlich spielen aber Faktoren wie Depression oder die Überzeugung, dass die Situation besser werden kann, eine große Rolle.

Dies wiederum äußert sich in der Haltung. Und dann kann die Haltung schnell mal verwechselt werden mit der Ursache, wenn eigentlich andere Faktoren wie Depression entscheidender sind.

Wenn dir jetzt schon der Kopf schwirrt, geht es dir wie mir am Anfang. Darum nochmal kurz und knapp:

  • Emotionen und Überzeugungen haben einen Einfluss auf unsere Haltung,
  • Emotionen und Überzeugungen können Schmerzen beeinflussen,
  • Haltung hat in den meisten Fällen keinen nennenswerten Einfluss auf Schmerzen.

Wenn dich das genauer Thema interessiert, schau doch mal in den Infokasten.

Entspannt und Schmerzfrei Leben: Erfahre noch mehr dazu im Podcast

In dieser Podcastfolge erfährst du, was Körperhaltung eigentlich ist, warum sie nicht ursächlich für körperliche Beschwerden verantwortlich ist und wie sie über soziale Faktoren dennoch eine Rolle spielen kann. Viel Spaß beim Hören!

4

Bequeme Haltungen einzunehmen ist sicher

Während ich diese Zeilen schreibe, hänge ich gerade wie Gollum vor dem Laptop.

Und angeblich soll das nicht gut sein. Aber Fakt ist: Auch wenn immer etwas anderes behauptet wird, führt Sitzen nicht zu Rückenschmerzen (Swain 2019). 

Beim Sitzen gibt es nicht DIE richtige Position.

Verspannunge zwischen den Schulterblättern

Wir wissen zum Beispiel aus Zwillingsstudien, dass die berufliche Karriere keinen nennenswerten Einfluss auf die Wirbelsäule hat (Battie et al 2009). Wir wissen z.B. auch, dass eine gelümmelte Haltung sogar förderlich für die Bandscheibengesundheit ist (Pape et al. 2018).

Vielmehr darfst du eines verinnerlichen: Die nächste Position ist die bessere.

Jede Haltung, die du über einen langen Zeitraum einnimmst, wird irgendwann zwicken. Damit sagt dir dein Körper: "Hey Alter, wird Zeit dich zu bewegen. Arsch hoch jetzt!" (Ich hoffe, dein Körper redet nicht so frech mit dir wie meiner :D).

Darum lieber fünf "falsche" Haltungen hintereinander als die perfekte Haltung den ganzen Tag.

Fakt ist: Bequeme Haltungen einzunehmen ist sicher.

5

Die Wirbelsäule ist robust und du kannst ihr vertrauen

Wie jede andere Struktur in unserem Körper ist auch unsere Wirbelsäule unglaublich robust und anpassungsfähig.

Nicht ohne Grund sind die allermeisten Rückenschmerzen unspezifisch, d.h. es gibt keine klare strukturelle Ursache dafür.

Doch deswegen kommen manche zu dem Schluss, unser Rücken sei eine Schwachstelle der Evolution.

HWS BWS und LWS

Deshalb solle auch der untere Rücken möglichst neutral gehalten werden. Aber weißt du was? Wenn unsere Wirbelsäule nicht für Bewegung gemacht wäre, wäre sie ein gerader Knochen geworden.

Ist sie aber nicht. Und dessen dürfen wir uns bewusst sein. Unsere Bandscheiben brauchen Bewegung, Belastung und abwechslungsreiche Haltungen. Nur so können sie sich ernähren und gesund bleiben.

Ja, wenn eine strukturelle Verletzung vorliegt, sieht das anders aus. Und ja, wenn die Last auf die Wirbelsäule höher wird, dürfen wir sie möglichst neutral halten. Aber im Alltag dürfen wir unseren Rücken innerhalb seiner anatomischen Grenzen froh und munter bewegen.

Hab keine Angst davor!

Denn Fakt ist: Die Wirbelsäule ist robust und du kannst ihr vertrauen!

6

Sitzen ist nicht gefährlich

Immer wieder liest man, Sitzen sei das neue Rauchen.

Und damit werden unnötig Ängste geschürt. Wir sollen möglichst ergonomisch sitzen. Sollen möglichst von morgens bis abends eine aufrechte Haltung haben und sollen...

Ach weißt du, das ist doch Quatsch! Unsere Vorfahren haben auch nicht ums Feuer gestanden!

Wir haben weiter oben bereits gesehen, dass Lümmeln gut für die Bandscheiben ist (Pape et al. 2018).

Sitzen führt zu Bandscheibenvorwölbung?

Und intuitiv ist uns allen klar, dass keine Haltung über einen längeren Zeitraum wirklich angenehm ist. Wusstest du z.B., dass es im Mittelalter Foltermethoden gab, wobei Menschen in eine extrem unvorteilhafte Haltung gezwungen wurden? Mit der Zeit rebelliert der Körper auf gemeinste Art.

Und das würde er auch heute noch machen. Du merkst relativ schnell, wenn eine Haltung nicht förderlich ist. Das kannst du testen, indem du z.B. ein schweres Buch mit ausgestrecktem Arm möglichst lange hältst.

Irgendwann wird es unangenehm und du möchtest etwas anderes machen.

Genau so verhält es sich mit dem Sitzen! Sitzen an sich ist nicht gefährlich. Aber eine Position über einen langen Zeitraum einzunehmen, ist nicht vorteilhaft. Dein Körper gibt dir dann ein Signal, dass du dich bitte mal bewegen darfst.

Darüber hinaus möchte ich betonen, dass nicht Sitzen das Problem ist. Bewegungsmangel ist das eigentlich Problem. Haarspalterei meinst du? Oh nein! 

Wenn du dich zwischendurch immer wieder mal bewegst, ist Sitzen gar kein Thema. Wenn dann noch ein sportlicher Ausgleich hinzukommt, machst du vieles richtig.

Denn Bewegungsmangel öffnet Tür und Tor für allerhand Botenstoffe, die wir nicht wollen. Diese fördern Entzündungen, unterstützen Knorpelabbau, machen die Fetteinlagerung einfacher uvm.

Mit Bewegung schieben wir da einen Riegel vor und erhalten jede Menge positiver Effekte.

Fakt ist also: Sitzen ist nicht gefährlich

7

Es gibt keine Lösung von der Stange

Was wäre die Welt nicht einfach, wenn es eine Lösung gibt, die für alle funktionieren würde. Ich würde sie für mich behalten und teuer verkaufen.

Dass ich aber gerade bei 33° in einer Dachgeschosswohnung und schwitze, beweist, dass ich sie nicht habe. Schade eigentlich.

Fakt ist leider: Es gibt keine Lösung von der Stange. 

Dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Bei jedem spielen andere Faktoren eine Rolle, die das individuelle Beschwerdebild formen. Jeder reagiert auch anders auf verschiedene Übungen. 

Darum ist es mir im SMART MOVEMENT Programm z.B. so wichtig gewesen, Möglichkeiten bereitzustellen, mit der Übungen bewertet, abgestuft und die Ausführung von einem Profi überprüft werden kann. 

So lässt sich das Programm individualisieren und an persönliche Bedürfnisse anpassen.

Denn Fakt ist: Es gibt keine Lösung von der Stange

8

Du bist dran!

Bildernachweis

Woman Running Outdoors: Maridav – canva.com

Titelbild: max kegfire from Getty Images Pro – canva.com

Unterschiede in Haltung: undrey from Getty Images – canva.com

Gibt es DIE perfekte Haltung?: Correct Posture by Bbuilder From Getty Images – canva.com

Quellennachweis

Richards KV, et al. (2016): Neck Posture Clusters and Their Association With Biopsychosocial Factors and Neck Pain. In: Australian Adolescents. Physical Therapy. 2016 Oct;96(10):1576-1587. Epub 2016 May 12.

Swain CTV, et al.(2020). No consensus on causality of spine postures or physical exposure and low back pain: A systematic review of systematic reviews. Journal of Biomechanics. Available online:https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S002192901930524X

Slater et al (2019): „Sit Up Straight!“ Time To Re-Evaluate. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy Published Online:July 31, 2019Volume49Issue8Pages562-564 https://www.jospt.org/doi/10.2519/jospt.2019.0610

Trobisch et al (2010): Idiopathic Scoliosis. In: Dtsch Arztebl Int. 2010 Dec; 107(49): 875–884.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3011182/

Battie MC, et al. (2009): The Twin Spine Study: contributions to a changing view of disc degeneration. Spine J. Jan-Feb;9(1):47-59

Pape JL, et al. (2018): Increased spinal height using propped slouched sitting postures: Innovative ways to rehydrate intervertebral discs. Applied Ergonomics Volume 66, January 2018, Pages 9-17

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